Die „verlorene“ Generation Z? Wie sich Generationenkonflikte am Arbeitsplatz lösen lassen
Tipps von mbw-Trainerin Judith Brenneis
Die Generationenfrage ist momentan ein großes Thema. Im Mittelpunkt: Die Generation Z. Von einer „verlorenen Generation“ ist teilweise die Rede. Glaubt man den vielen Schlagzeilen, ist quasi die ganze Generation für den Arbeitsmarkt verloren. Sind die Probleme wirklich so groß und wie lassen sie sich lösen? Darüber spricht mbw-Redakteurin Janina Singer mit Trainerin Judith Brenneis.
Janina Singer: Judith, Du beschäftigst dich als Trainerin viel mit dem Thema Joined Generations. Ich habe hier mal ein paar Überschriften aus den Medien: „Arbeitgeber verzweifeln an Generation Z“, „Generation Z arbeitet nach Schokoladenprinzip“. „Die Generation Z ist verloren“. Aber auch: „Warum wir zu viel über Generation Z und Boomer reden“. Lass uns bei dieser letzten Überschrift bleiben: Reden wir zu viel darüber oder gibt es diesen Generationenkonflikt am Arbeitsplatz wirklich?
Judith Brenneis: Es gibt ihn glasklar. Ich weiß das, weil ich viel mit Unternehmen arbeite, die mich buchen, um Verständnis füreinander zu schaffen. Ich arbeite insbesondere mit Babyboomern, die zum Beispiel Ausbilder sind in den Unternehmen und tatsächlich oft an ihre Grenzen stoßen in der Zusammenarbeit mit der Generation Z.
Die Babyboomer wurden in der Ausbildung noch ganz anders behandelt, und zwar oft schlecht. Da wurde eine Ansage gemacht, man durfte nicht aufmucken, man durfte nichts nachfragen, man musste still und stumpf abarbeiten. Aber war das gut? Wie ging es den damaligen Azubis denn?
Die jungen Menschen haben andere Werte, eine andere Vorstellung von Arbeit. Sie legen sehr viel Wert auf die Sinnhaftigkeit. Und deshalb fragen sie oft nach, weil sie in manchen Dingen den Sinn nicht sofort erkennen. Sie zeigen dadurch auch auf, dass man Dinge anders machen könnte. Hier in den Dialog zu gehen, fällt manchen Generationen schwer. Aber ich finde es wertvoll, wenn sich die jungen Menschen trauen, alles zu fragen. Und da sollten sie doch zumindest erst mal ein offenes und kein geschlossenes Ohr erleben.
Abgestempelt zu werden, frustriert
Sinnhaftigkeit im Job sehen zu wollen, wie du eben gesagt hast, ist ja aber nicht gleichbedeutend mit „Die sind alle faul“, wie es heute oft durchklingt?
So eine pauschale Aussage finde ich wirklich schlimm. Ich war auch als Hochschullehrbeauftragte tätig und habe da die Rückmeldung bekommen: „Es macht uns keine Freude und es frustriert regelrecht, abgestempelt zu werden“.
Es gibt überall Ausprägungen. Es gibt hoch motivierte junge Menschen, die loslegen, die hoch kreativ sind, die Leistung bringen wollen. Nur, und ich kann das auch nachvollziehen, nicht für jeden Preis. Die haben oft gesehen, wie sich ihre Großeltern oder Eltern abgearbeitet haben und dann im schlimmsten Fall noch vor der Rente verstorben sind. So was sollte uns doch wachrütteln.
Wir sollten eher überlegen, wie wir die jungen Menschen motivieren. Das funktioniert mit Sicherheit nicht, indem man sie abwertet. Sondern durch Wertschätzung. Sie sind uns ja zum Beispiel in der digitalen Welt weit voraus.
Verlässlichkeit und vertrauensvolles Miteinander
Trotzdem gibt es diesen Generationenkonflikt, sagst du. Hast du Beispiele dafür?
Da hätte ich viele. Bei einem Ausbilderworkshop wurde mir zum Beispiel berichtet, dass sich ein Azubi morgens gar nicht abgemeldet hat. Der ist einfach nicht erschienen und war auch nicht erreichbar, weil er noch im Bett lag. Es gab da die große Sorge, dass ihm etwas passiert ist. Das Unternehmen hat ja auch eine Fürsorgepflicht.
Bei dem jungen Mann war laut dem Ausbilder aber keinerlei Verständnis dafür da. Da gerät man dann natürlich an seine Grenzen. Und da sehe ich noch viel Potenzial bei den jungen Menschen. Man muss ihnen sagen, dass sie darüber sprechen müssen, wenn es ihnen nicht gut geht. Verlässlichkeit und vertrauensvolles Miteinander sind wichtig.
Generationenkonflikte gab es ja früher auch schon. Ich war auch nicht immer einer Meinung mit meinen Eltern oder Lehrern. Warum ist das heute so viel spürbarer?
Ich glaube, da kommt ganz vieles zusammen. Die Eltern haben sich verändert. Die Nachkriegsgenerationen hatten ja einfach noch ganz andere Sorgen. Da war kein Raum für weiche Faktoren wie „Wohlfühlen“. Es hat über die Generationen hinweg ein grundsätzlicher Wandel stattgefunden.
Es braucht immer beide Parteien
Wie gehst du in deinen Coachings vor? Wie versuchst du das zu vermitteln?
Ich lasse beispielsweise die Ausbilder erst mal beschreiben, wie es mit ihren Azubis läuft. Viele kommen da gleich ins Negative und sehen nur das Schlechte. Und dann lege ich gezielt Perspektivwechsel ein und sage Stopp! Was ist denn an so einem Verhalten auch positiv, beispielsweise, wenn jemand nachfragt? Das wird oft als Distanzlosigkeit gesehen. Dennoch ist es doch sehr, sehr wertvoll, dass die jungen Menschen sich trauen, dass sie ja auch mitdenken und neue Lösungen äußern wollen. Und das finde ich extrem wichtig, immer wieder Perspektivwechsel einzulegen und hinzuschauen.
Müssen sich denn generell mehr die Älteren bewegen oder die Jüngeren? Oder beide Seiten aufeinander zu?
Ganz klar: Es braucht immer beide Parteien. Und ich finde es eigentlich schlimm, so zu differenzieren, aber so sieht es aus in den Unternehmen. Es ist getrennt. Es braucht dringend Brücken, es braucht ein Miteinander.
Bei den älteren Mitarbeitern sehe ich da klar die Punkte Wertschätzung und auf Augenhöhe kommunizieren. Nicht von vornherein jemanden abstempeln.
Bei den jungen Menschen braucht es aber auch ein Verständnis dafür, dass wir anders sozialisiert wurden. Wir hatten ja beispielsweise diese Digitalisierung nicht.
Und was das Thema „fehlende Anstrengungsbereitschaft“ betrifft: Da muss man sehen, wie es denn mit uns Älteren war. Wir haben oft über unsere Grenzen hinweg gearbeitet. Aber wir brauchen eine Art der Selbstfürsorge. Doch natürlich ist es eine Gratwanderung zwischen Selbstfürsorge und dem Vorwurf von „nur chillen wollen“. Ich selbst bin, wenn ich etwas mache, sehr fokussiert und lösungsfokussiert und das fehlt mir manchmal bei den Jüngeren. Da ist oft so ein Schulterzucken. Da gerate auch ich häufiger an meine Grenzen.
Die Boomer scheiden ja jetzt langsam aus dem Berufsleben aus. Auch unsere Generation dann irgendwann. Ist das Problem damit gelöst?
Ich denke nicht, weil es ja nicht nur die Babyboomer sind, sondern auch die vielen anderen Generationen zwischendrin, die ja auch anders ticken. Jede Generation hat ihre Besonderheiten! Und wie du sagst, die Problematik ist nicht neu. Früher wurde über die Jüngeren gesagt: „Die sind ungezogen“ oder „die sind Freigeister“. Die Jungen waren doch schon immer anders.
Also es ist ein Problem, das wir ganzheitlich einfach dauerhaft als Gesellschaft ins Auge fassen und lösen und bearbeiten müssen?
Ja, und zwar jeder Einzelne jeden Tag im Umgang mit anderen Menschen, ob älter, jünger oder auch in meiner Generation. Es braucht eine Kommunikation auf Augenhöhe und gegenseitiges Verständnis.